Im Gespräch mit

Dr. Eike Wenzel

Klimaschutz als voraus-gesagtes Topthema 2020. Nun alles anders? 

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INTERVIEW & TEXT:

Jörg Reuter

BILD:

Dr. Eike Wenzel

Vor rund zehn Jahren hatte Dr. Eike Wenzel die LOHAS postuliert, den „Lifestyle of Health and Sustainability“. Seitdem gilt der Heidelberger Zukunftsforscher als ein Seismograf jener neuen Klasse, die vom Bio-Wochenmarkt bis zur Fridays-for-Future-Bewegung längst unsere Gesellschaft prägt. Wenzel plädierte dabei immer für Wachstum gerade durch eine wachsende ökologische Verantwortung – einzig in Zukunftsfeldern wie den erneuerbaren Energien, der Digitalisierung oder einer neuen Wertschätzung der Lebensmittelproduktion könne ein Land wie die Bundesrepublik seinen gesamtgesellschaftlichen Wohlstand überhaupt verteidigen.

Herr Dr. Wenzel, der Klimawandel war zuletzt das große gesellschaftliche Thema. Hat ihm die Coronakrise nun den Rang abgelaufen?

Covid-19 hat die Welt in einem Moment erwischt, in dem bereits einiges aus den Fugen geraten war. Natürlich hat da niemand irgendein Virus aus einem Labor in Wuhan rausgelassen und jetzt kommt auch keine Verschwörungstheorie. Dass es aber irgendwann, irgendwie knallen würde, lag in der Luft. Ich möchte jetzt nicht das Bild eines reinigenden Gewitters benutzen. Aber jetzt kann definitiv niemand mehr anders, als sich den drängenden Zukunftsfragen zu stellen.

Sie sehen in der Coronakrise sogar einen Verstärker des gesellschaftlichen Wandels?

Mich hat in diesem Zusammenhang etwa eine Frau wie Ursula von der Leyen überrascht, die das ganz klar gesagt hat: Wenn Europa jetzt stabilisierend eingreifen muss, dann wird es um Zukunftsthemen gehen müssen, um Digitalisierung, erneuerbare Energien, um einen Umbau der Landwirtschaft. Die Politik scheint also zu begreifen, dass der ökologische Fußabdruck und genauso die gesellschaftlichen Folgekosten allen ökonomischen Handels eingepreist werden müssen. Und wenn man das macht, dann rechnen sich auch die Verkehrs- oder die Ernährungswende plötzlich.

Grün ist also die Hoffnung?


Wie Sie wissen, beschäftigen wir Zukunftsforscher*innen uns mit den Megatrends, also den großen gesellschaftlichen Themen und Strömungen. Wenn es die Politik geschickt anstellt und die Milliarden, die sowieso in die Hand genommen werden müssen, mit Weitsicht investiert, könnten zwei dieser gesellschaftlichen Megatrends auf einmal gelöst werden: der Klimawandel und die wachsende gesellschaftliche Ungleichheit. Ich spreche hier bewusst von einem NEW GREEN DEAL – in Anlehnung an den New Deal, das große Konjunkturprogramm in den USA der 1930er-Jahre.

Erleben wir also die Rückkehr des sorgenden Staates?

Interessant, dass Sie das so formulieren. Die Grundlagenforschung, und das erleben wir ja gerade auf der Suche nach einem Covid-Impfstoff, bezahlt sowieso immer der Staat. Und die Politik begreift gerade ziemlich gut, dass sie von den Geistern, die sie rief, schonungslos allein gelassen wird. Der Neoliberalismus, das erleben wir in den USA, fährt schonungslos vor die Wand. Corona hat das System entlarvt.

 

Welche Rolle spielen dabei die Konsument*innen?

Graswurzelbewegungen sind wichtig. Also Milieus, die ökologisch und umweltbewusst grundierte Lebensstile in die Mitte der Gesellschaft tragen: dort eine eher konsumorientierte Bio-Boheme, da die deutlich keimende Sehnsucht nach dem eigenen Stück Acker oder die Renaissance des Einweckens und Selbermachens. Dass Ernährung per se mit Klimawandel zu tun hat und mit der Globalisierung, das sind Überzeugungen, die definitiv bleiben werden. Was Corona aber auch gebracht hat, sind ganz grundsätzliche Unsicherheiten, ob nun die Angst vor dem Verlust des Jobs oder der sozialen Heimat. Da braucht es die Leitplanken des Staates.

Weil sich jeder Einzelne sonst selbst näher ist als dem Klima?

Ich hätte da eine umgekehrte These: Wir erleben die Coronakrise als eine Zeit, in der ein sehr großer Teil der Bevölkerung plötzlich wissenschaftlichen Erkenntnissen vertraut. Warum sollten wir bezugnehmend auf den Klimawandel nicht einfach genau da weitermachen.