"Für alle, die durstig sind und die Welt verändern wollen."

Im Gespräch mit Jurek Voelkel von der Naturkostsafterei Voelkel.

copyright: Voelkel

Die Voelkel Naturkostsafterei ist Bio-Pionier der ersten Stunde. Inzwischen ist Bio eine Erfolgsstory weit über den Bio-Laden hinaus und Voelkel der größte Bio-Getränkehersteller in Deutschland.


Wir haben mit Jurek Voelkel darüber gesprochen, wie er diese Entwicklung erlebt hat und was die Zukunft bringt.


Lieber Jurek, euch gibt es seit mehr als 85 Jahren, du bist praktisch im Unternehmen groß geworden. Was waren für dich besondere Meilensteine?

Als direkter Mitarbeiter bin ich ja erst seit ein paar Jahren für unser Unternehmen tätig. Aber eigentlich bin ich schon mein Leben lang hautnah dabei. Die aufregendsten Momente für uns Kinder waren zum Beispiel, wenn die Apfelernte auf dem Hof ankam. Meine Brüder und ich haben, noch bevor die Äpfel in die Saftpresse gingen, die schönsten Exemplare vom Laufband stibitzt, um direkt reinzubeißen. Ich weiß auch noch, wie mein Vater unsere BioZisch-Sorte Rosenblüte entwickelte. Dafür hat er im Garten alle Heckenrosen abgepflückt und in der Küche als Auszug angesetzt. Je älter wir wurden, desto mehr haben wir natürlich auch vom Unternehmenswachstum mitbekommen.


Wir mögen zwar inzwischen der größte Bio-Getränkehersteller sein, aber was mich persönlich am meisten motiviert, ist, wenn uns die Menschen gut finden und wir positives Feedback erhalten. Das berührt mich dann und ist für mich Grund zu sagen: „Ja, die Leute nehmen uns wahr. Wir haben Vorbildcharakter.“


"Wir wollen nicht nur biozertifizierte Ware anbieten, sondern wir möchten aktiv unsere Welt und das soziale Miteinander gestalten."

Um diesen Beitrag sichtbarer zu machen, haben wir uns im letzten Jahr auf den Weg gemacht, eine Gemeinwohlbilanz zu erstellen. In dieser Bilanz wird ermittelt, wie positiv oder eben auch negativ das Wirtschaften für die Allgemeinheit ist. Nicht um da irgendein Zertifikat zu haben, sondern, um uns bewusst zu machen, wo sind unsere Stärken, wo können wir uns vielleicht noch weiterentwickeln.


Die Familie Voelkel: Stefan mit seinen Söhnen Jacob, Jurek, Boris und David. (im Bild von rechts nach links)

Wow, ihr verfolgt eine echte Mission! Aber nehmen die Menschen diese auch außerhalb des Bio-Ladens wahr? Wie ist das zum Beispiel in der Gastronomie? Welche Rolle spielt dieser Absatzmarkt für euch?

Als ich noch studiert habe, habe ich nebenher in unserem Gastro-Außendienst gejobbt und war immer stark davon beeindruckt, was da für Typen, richtige Originale, dahinterstecken. Die hatten eine Philosophie.


Unser Kundenspektrum im Außer-Haus-Markt reicht vom großen Kantinenbetreiber bis zum hippen Technoclub. Aber meistens sind Menschen dahinter, die sich zum Glück nicht nur für den Preis, sondern für alle Aspekte eines Produkts interessieren.

Die verstehen, dass die meisten der Probleme unserer heutigen Welt mit der Art des Wirtschaftens, dem Welthandel und den Entwicklungen in der Landwirtschaft zu tun haben. Diese globalen Zusammenhänge beeinflussen auch die Gastronomen durch das, was sie in ihren Restaurants verkaufen.


Was haltet ihr vom Vorstoß der Länder, die Bio-Anteile in den öffentlichen Küchen zu erhöhen? Betrifft das auch euch als Getränkehersteller? Wie habt ihr euch darauf eingestellt?


Ja, wir merken das zum Teil. Zum Beispiel hat die BVG eine neue Kantine geplant, in der auch wir vertreten sein werden. Primär finde ich das aus politischer Sicht richtig und sinnvoll. Allerdings kommen wir in diesem Segment oft in den Preiswettbewerb mit konventionellen Wettbewerbern, die nun, weil „Zeitgeist“, auch eine Bio-Range anbieten. Wenn man dann nur nach den Ausschreibungen geht, können wir preislich meist nicht mithalten. Unsere Vertriebsaufgabe ist es, die Menschen zu besuchen und von unseren Zielen und Überzeugungen zu berichten. Jede Regelung hat auch einen gewissen Spielraum. Es hängt immer ganz von den Einkäufern ab, wie nah sie zu den Themen stehen. Wir möchten die öffentlichen Institutionen motivieren, nicht nur bis zum Bio-Siegel zu denken. Ein schönes Beispiel ist das Cateringunternehmen „Essenszeit“. Es betreibt in ganz Deutschland Großküchen und ist bereits in der Konzeption involviert. Dieser Kunde interessiert sich für ein ganzheitliches Angebot, sogar für Demeter.



Ein großer Teil eurer Kommunikation findet inzwischen online (auf Social-Media-Kanälen) statt. Im Bio-Bereich bisher noch selten zu sehen. Kannst du dazu etwas erzählen?


Wir wollen nicht nur fertige Saftflaschen fotografieren, sondern das, was drum herum und vorher passiert.


"Die sozialen Medien sind inzwischen unser wichtigstes Kommunikationsinstrument, weil wir dort zeigen können, was unsere Philosophie in der Praxis bedeutet."

Nichts ist so wirksam, wie mein Bruder Boris, der zusammen mit einem unserer langjährigen Anbaupartner auf dem Acker steht und sich über die Möhren unterhält. Oder mein Vater, der ins Flüchtlingslager nach Lesbos reist, um vor Ort Hilfe zu leisten. Oder unser kleiner Film „brummendes Firmengelände“, in dem ich zeige, was wir alles auf unserem Gelände für die Insekten tun. Diese Bilder und Botschaften kann kein Siegel transportieren. Wer sich nur hinter Logos versteckt, hat oft nicht mehr zu erzählen.

Wer sind überhaupt eure Zielgruppen?

Ha, Manuela, du fragst Dinge. Ich könnte gar nicht sagen, wer unsere Zielgruppen sind. Es sind alle Menschen, die durstig sind und die daran glauben, dass sie mit ihrem Konsumentscheid etwas verändern können.

Also auch die Tischgäste in einer Kantine oder in der Mensa?

Ja, eigentlich schon. Aber momentan ist es sicherlich noch schwerer als zum Beispiel bei einem inhabergeführten Restaurant. Im GV-Bereich herrscht immer ein gewisser Kostendruck.

"Ich kann die Betreiber trotzdem nur ermutigen, durch mehr Bio ein öffentliches Statement gegenüber ihren Mitarbeitern oder Studenten abzugeben."

Da gilt für mich: „Du bist, was du isst, und das, was du deinen Mitarbeitern zu essen gibst bzw. einschenkst.“ Ich glaube, es kann sich kein Unternehmen mehr leisten, nicht darauf zu achten.