Produzenten-Porträt

Regionale

Bio-Kürbisse

für Berlin und Umgebung

Eine Erfolgsgeschichte über Leidenschaft, Geduld und Improvisation. 

TEXT/BILD:

Sascha Walz

An diesem Morgen fahren wir der aufgehenden Sonne entgegen, die ihre leuchtende Girlande am Himmel immer weiter ausrollt. Etwa eineinhalb Stunden von der Hauptstadt Richtung östliches Brandenburg dauert die Fahrt. Links und rechts wechseln sich die dichten Brandenburger Wälder mit weiten Feldern ab, über denen noch der Morgennebel hängt. Während wir unserem Ziel näher kommen, werden die Straßen etwas holpriger.

Als wir in Alt Tucheband, schon fast im Küstriner Vorland, an unserem Ziel ankommen, begrüßt uns ein fröhlicher junger Mann, dem man die frühe Stunde gar nicht anmerkt. Johannes Erz stammt ursprünglich aus dem Stuttgarter Großraum, hat die Heimat für sich und seine Frau Hanna allerdings hier im Märkisch-Oderland auf seinem zehn Hektar großen Hof gefunden. Seit 2016 nennen sie den Hof ihr eigen.

„Guten Morgen“, begrüßt er uns mit einem charmanten Lächeln. Wir lassen unseren Blick schweifen und können nicht anders, als ihm zuzustimmen. Ein guter Morgen. Verträumt liegt der Hof noch wie im Dornröschenschlaf vor uns, zwischen Wildkräutern und hohen Gräsern sieht man den alten Gebäuden ihre lange Lebensgeschichte an. „Für Sanierungsarbeiten blieb noch nicht viel Zeit. Wir mussten schauen, dass die Felder bearbeitet werden und wir was zu ernten haben.“

 

Johannes ist eben kein Bauherr, sondern Öko-Landwirt mit Leib und Seele. Schon als Jugendlicher half er auf einem benachbarten Hof aus, nach seiner Fachausbildung als Techniker für Landwirtschaft arbeitete er auf den elterlichen Streuobstwiesen mit. Johannes hat in der konventionellen Landwirtschaft gelernt, doch merkte recht schnell, dass ihn das nicht glücklich machen würde. Er träumte schon früh von mehr. In Eberswalde nahm er ein ökologisches Studium auf und lernte seine zukünftige Frau kennen. Schon während dieser Zeit verliebten sich die beiden ein bisschen in die Region. Fruchtbares Land und bezahlbare, gut erhaltene Höfe, denen man wieder Leben einhauchen konnte. Das war genau das, was die beiden suchten.

 

Jung und ohne nennenswerte Ersparnisse wagten sie den Schritt. Ihre Landwirtschaftsmaschinen sind beinahe ebenso in die Jahre gekommen wie die Gebäude selbst, aber sie erfüllen ihren Zweck. Um weitere Kosten zu sparen, bearbeiten Johannes und Hanna ihre Felder wann immer es möglich ist nur zu zweit. Und so zogen neben Bio-Zucchini und -Kartoffeln auch die Öko-Kürbisse auf dem Hof mit ein.

„Für die Kürbisse verwenden wir kein Hybrid-Saatgut, sondern nur samenfestes Öko-Saatgut."  

„Wir wollten uns auf Kulturen konzentrieren, die wir allein bewirtschaften können“, erzählt Johannes. „Kartoffeln verkaufen sich immer, die sind unsere Sicherheit. Der Kürbisanbau startete hingegen eher als Leidenschaft. Er ist für mich wie eine Einstiegsdroge in den Gemüseanbau. Kürbisse zu ernten, ist etwas Tolles, denn man sieht schnell Ergebnisse!“

 

Dabei war der anfängliche Lernprozess gar nicht so einfach. Um nicht jeden Samen einzeln legen zu müssen, hat Johannes seine Kartoffel-Legemaschine zur Samen-Legemaschine umgebaut. Kreativität zahlt sich aus. Seine Hokkaidokürbisse nehmen mittlerweile vier Hektar der Fläche ein und sind so etwas wie das Herzstück des Bio-Hofs geworden.

 

„Für die Kürbisse verwenden wir kein Hybrid-Saatgut, sondern nur samenfestes Öko-Saatgut“, betont er. „Uns geht es nicht um den Höchstertrag, sondern um Nachhaltigkeit. Wir produzieren Lebensmittel und der Boden ist unsere Grundlage. Deshalb muss alles versucht werden, damit dieser noch viele Generationen lang fruchtbar und lebendig bleibt.“

Ganz nach den ökologischen Standards gehen sie den Beikräutern nur mechanisch mit dem Pflug und der Hand an den Kragen. Auch die Bodenbearbeitung und Fruchtfolge sind darauf ausgerichtet. Kartoffeln wechseln sich mit Kürbis und Klee ab, der als natürlicher Dünger für den Boden und gleichzeitig als Weidefläche für die Hühner dient. Für das vierte Jahr fehlte Johannes allerdings noch eine passende Fruchtfolge. Nach kurzer Überlegung entschied er sich ganz unkonventionell für Linsen. Linsen aus Brandenburg? Warum nicht? Linsen sind als regionales Superfood wieder ganz groß im Kommen.

Über ein Crowdfunding-Projekt kam genug Geld zusammen, um sich einen gebrauchten Mähdrescher kaufen zu können, und etwas Zeit, um sich zwischenzeitlich in den Linsenanbau einzuarbeiten. Denn es gibt nur wenige Aufzeichnungen darüber; am besten lernt man, wenn man einfach loslegt.

„Der Ökolandbau ist immer eine Herausforderung.

Wir können nur einmal im Jahr alles richtig oder falsch machen, den Rest entscheidet die Natur. Und die braucht einfach  ihre Zeit.“ 

„Wir haben in diesem Jahr viele Erfahrungen mit der Linse gesammelt, auch wenn wir Vollgas in den Nebel gefahren sind. Für nächstes Jahr hat sich der Nebel aber schon etwas gelichtet und wir freuen uns darauf.“

 

Bisher ist die Resonanz zu seinem außergewöhnlichen Linsenprojekt sehr positiv. Johannes ist der Einzige seit langer Zeit, der Linsen in der Region in größerem Stil anbaut. Und er hat bereits eine neue Vision. Warum sollte es nicht auch bald Erdnüsse aus Brandenburg geben? Die Maschinen dafür hätte er da. Warum also nicht mal einen Versuch wagen? Doch bis es so weit ist, nehmen die Kartoffeln, Zucchini und Kürbisse den größten Teil des Hofs ein. Und natürlich die etwa 100 Hühner, die auch weiterhin in mobilen Ställen über die Felder ziehen und dort in den Fruchtpausen auf ganz natürliche Weise Nährstoffe und Dünger verteilen.

 

„Der Ökolandbau ist immer eine Herausforderung. Wir können nur einmal im Jahr alles richtig oder falsch machen, den Rest entscheidet die Natur. Und die braucht einfach ihre Zeit“, betont Johannes. „Bei dem, was wir tun, muss man noch nachdenken. Das macht Spaß. Der konventionelle Landbau war mir zu langweilig.“

Neben Johannes, Hanna und den Hühnern toben auch die Hunde Kira und Feli auf dem Hof umher. Zwei Pferde und ein Pony unterstützen das kleine Team bei der Bodenbearbeitung und Düngung. Im Öko-Landbau ist eben alles etwas langsamer, dafür umso nachhaltiger. Das ganzheitliche System schont die Ressourcen. Früchte, die nicht verkauft werden, landen neben dem Mist der Pferde und Hühner als Dünger wieder auf dem Feld und fördern dort den Humusaufbau.

Dass Johannes mit seinem Konzept Erfolg hat, beweisen die Verkaufszahlen. Mit den Kartoffeln, Zucchini und Kürbissen beliefert er vor allem kleine Bio-Läden in der Region und lebensmittelverarbeitende Betriebe. Auch Endverbraucher und die Gastronomie sind vereinzelt dabei. Allein fünf Tonnen der Bio-Kürbisse gehen dieses Jahr an die Transgourmet. Um besonders seinen Kunden in der Großküche etwas Arbeit abzunehmen, werden die Kürbisse noch in der Region gewaschen, vorgeschnitten und verpackt.

Als wir mit dem Auto wieder vom Hof rollen, fahren wir noch einmal an den üppig grünen Kürbis- und Zucchinifeldern vorbei. Dieser Besuch hat nicht nur Spaß, sondern auch Appetit gemacht. Wer weiß, vielleicht landet im kommenden Herbst ja ein Brandenburger Hokkaido-Linsen-Salat auf dem Tisch oder eine Kürbis-Erdnuss-Suppe? Johannes’ Experimentierfreudigkeit hat uns auf jeden Fall inspiriert. Und er uns imponiert. Johannes ist ein Mensch, der sein Element gefunden hat. Er ist glücklich in dem, was er tut. Dort, wo er ist.